Rückkehr in die alte Heimat...

Vier lange Monate ohne eine Nachricht...

... lebt er denn überhaupt noch? Ja, es gibt mich noch. Und es geht mir noch genauso prima wie am Anfang! In der Zwischenzeit ist hier in Shenzhen sehr viel Interessantes passiert und nachdem ich lange schriftstellerisch pausiert habe, werde ich in den nächsten Tagen die letzten Monate aufarbeiten.

Beginnen wir ganz am Anfang, im Dezember letzten Jahres. Nach meiner Reise zur Fortbildung des Goethe-Institutes in Shanghai hielt die Arbeit bis zum Jahreswechsel nicht mehr viel Neues für mich bereit und der Schulalltag ging ohne besondere Vorkommnisse seinen Gang. Ab und an erkundete ich mit Maurice verschiedene Winkel von Shenzhen und unternahm ausgedehnte Spaziergänge durch andere Stadtteile und Randbezirke. Die Prüfungen häuften sich in unserer Schule, weil kurz vor Ende des Halbjahres Mitte Januar noch alle Prüfungen geschrieben werden wollen, die Konzentrationsfähigkeit meiner Schüler nahm immer weiter ab und alle Lehrer in unserer Schule begannen sich nach Urlaub zu sehnen.

Für mich kam dieser Urlaub um einiges früher als erwartet - als meine Mutter und meine Schwester mich über Weihnachten in Shenzhen besuchten. Noch vor dem Gespräch mit meiner Chefin hatte ich gebangt, ob ich denn überhaupt einen einzigen Tag würde freinehmen können, letztendlich schenkte sie mir ohne Nachfrage meinerseits zwei Wochen Urlaub mit meiner Familie. Heiligabend verbrachte ich allein zu Hause und skypte ein paar Stunden mit meinem besten Freund, da meine beiden Gästen leider noch im Flugzeug waren. Am 25. Dezember wurde das Weihnachtsfest dann nachgeholt und nachdem sich die beiden akklimatisiert hatten, begannen die ersten Rundgänge durch meine neue Heimat.

Shenzhen ist keine Touristenstadt im eigentlichen Sinne. Trotz seiner knapp 12 Millionen Einwohner und seiner schier unbegrenzten Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung fehlen der Stadt auf den ersten Blick die typischen "China-Highlights" wie alte Tempel, Überreste von Stadtmauern oder gar Konzessionsgebäude aus der Qing-Dynastie. Dafür bietet es den Charme einer komplett am Reisbrett geplanten, auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner perfekt zugeschnittenen Großstadt, in der an Parks, sonstigen Grünanlagen und hohen Gebäuden mit beeindruckender Aussicht nicht gespart wurde.

Meine Schwester und ich auf dem Fernsehturm in Guangzhou.
Meine Schwester und ich auf dem Fernsehturm in Guangzhou.

Trotzdem stellte sich mir gleich die Frage: "Was zeigst du ihnen denn?" Klar, meine Schule und auch die nähere Umgebung waren Pflichtprogramm. Danach wurde es dann aber schon etwas schwieriger. Letztendlich liefen wir an einem der ersten Tage in das kleinste Naturreservat Chinas, das sich treffenderweise an eine der beiden Hauptverkehrsstraßen von Shenzhen anschmiegt. Dank diverser Lärmschutzmauern auf der gesamten Länge des Reservates bemerkt man die Nähe zur Straße aber kaum und auch die jedes Jahr zu Zehntausenden hier rastenden Zugvögel scheinen sich an der Nähe zur Großstadt nicht zu stören. Die fischreiche Bucht von Shenzhen bieten ihnen einen optimalen Rastplatz und als eines der Top-Highlights werden sie euch von etlichen Organisationen und der Regierung geschützt. Dennoch scheint bezüglich der Parkregeln Aufklärungsbedarf zu bestehen, denn das Vögel nicht erschossen werden dürfen und "Schmetterlinge" verboten sind (??) muss extra noch mit entsprechenden Schildern verdeutlicht werden. (Bild unten)

Das Eingangsschild zum Mangroven-Vogelschutzpark
Das Eingangsschild zum Mangroven-Vogelschutzpark

Nach dem Besuch im Nationalpark lud ich dann meine beiden Gäste zu meinem Leibgericht in China, den Reganmian ("warme, trockene Nudeln") aus Wuhan an, das aber nicht so begeistert aufgenommen wurde. In den darauffolgenden Tagen wagten wir den Aufstieg auf zwei "Berge" (eher Hügel) in Shenzhen (den Jasmin-Berg und den Cuizhu-Berg) von denen man normalerweise eine erstklassige Aussicht auf die Wolkenkratzer von Shenzhen hat. Zumindest auf dem Cuizhu-Berg blieb uns diese Aussicht verwehrt, da die ganze Bergspitze von Wolken verhangen war.

Shenzhens größtes Gebäude ist der KK 100 mit einer Höhe von 441,8 m. Er ist damit das neunthöchste Gebaeude der Welt. Das ist aber einer Stadt wie Shenzhen, die nach wie vor die größte Wachstumsrate in China hat, bei weitem nicht genug, weswegen man nun in der Nähe des neuen Stadtzentrums eine riesige Grube ausgehoben hat, aus der ein 640 m hohes Gebäude entstehen soll. Zum Zeitpunkt seiner voraussichtlichen Fertigstellung 2016 ist es dann das zweithöchste Gebäude der Welt.

Meine Schwester und ich in Dafen
Meine Schwester und ich in Dafen

Am letzten Tag in Shenzhen fuhren wir in das "Künstlerdorf" Dafen, in dem sich die größte Fälscherwerkstatt klassischer Gemälde der Welt befindet. Aber nicht nur an nachgemachter Kunst wird hier einiges geboten, auch einige kleinen Ateliers und sogar die Ausstellungshalle eines der renommiertesten Künstlers China befinden sich hier. In letzterer lohnt sich ein Besuch auch für an Kunst weniger Interessierte. Das ganze Ambiente, von Möbeln aus Guchuan-Holz ("Alte Boote"-Holz), bis hin zu Speisekarten auf Fächern ist einzigartig und lohnt auch ein Verweilen über mehrere Stunden. Die Frau des Künstlers ist Professorin für Musik und organisiert im Atelier oft kleine Performances mit Pipa (chinesische Laute) und Guzheng (bei uns besser bekannt in seiner japanischen Unterart Koto, man könnte auch Polychord dazu sagen). Und auch, wenn gerade keine Veranstaltung ist, laufen aus Lautsprecher eigene, sehr beruhigende und nie eintönige Kompositionen der Musikprofessorin, die das Atelier zu einem Ort der Entspannung und des Nachdenkens machen. Solche Orte gibt es in Shenzhen leider nur sehr wenige und ich bin sehr glücklich, dass wir ihn auf unserem Familienausflug entdeckt haben.

Im Künstlerdorf Dafen
Im Künstlerdorf Dafen

Dafen liegt außerhalb der ehemaligen Sonderwirtschaftszone, die entgegen der vielverbreiteten Meinung nicht von Anfang an das ganze Territorium von Shenzhen umfasste. Vor wenigen Jahren aber hat man nach und nach die Randbezirke, die an die Sonderwirtschaftszone grenzen, eingebürgert und so sind die ehemaligen Zolltore nur noch ein Versatzstück aus Shenzhens Geschichte und erfüllen keinen praktischen Nutzen mehr. Dennoch sieht man nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen den Bezirken inner- und außerhalb der ursprünglichen Sonderwirtschaftszone. Auch eine Sprachgrenze lässt sich erkennen. Spricht man innerhalb der Sonderwirtschaftszonegrenzen fast nur Mandarin, so taucht man mit einem Schritt in die Randgebiete in ein Meer aus Kantonesisch. So ist Shenzhen ein bunter Mix der verschiedenen chinesischen Kulturen, der sehr viel Chinesisches, aber auch nicht wenig Internationales in sich vereint.

 

Die Regenbogenbrücke im Flutwasserpark, im Hintergrund die beiden höchsten Gebäude von Shenzhen (links der Erdkönig, rechts der KK 100)
Die Regenbogenbrücke im Flutwasserpark, im Hintergrund die beiden höchsten Gebäude von Shenzhen (links der Erdkönig, rechts der KK 100)

5. Dezember: „Shanghai ist eine Reise wert...“

Friederike Jin und Frau Mao, Leiterin der Deutschabteilung des Shanghai Fremdsprachen Bildungsverlages
Friederike Jin und Frau Mao, Leiterin der Deutschabteilung des Shanghai Fremdsprachen Bildungsverlages

… und diese „Reise“ hat sich wirklich gelohnt. Mitte November fand in der Deutschabteilung des Shanghai Fremdsprachenverlages eine zweitägige Fortbildung des Goethe-Instituts statt. Mit dabei: Alle Goethe-Deutschlehrer in China und die Freiwilligen des Goethe-Instituts.

Der Titel des Seminars weckte in vielen von uns zunächst vor allen Dingen eines: Skepsis. „Lernen und Unterrichten mit Prima“, das klang für uns zunächst wie eine Vorstellung der verschiedenen Themen des Buches und keiner wusste wirklich, wie man damit zwei Tage füllen könnte. Die Autorin des Lehrwerkes, Friederike Jin, eigens aus Frankfurt für unsere Fortbildung eingeflogen, bewies uns aber recht schnell, das man am Buch orientiert eben nicht nur über dieses, sondern generell viel über die deutsche Sprache und Unterrichtsmethoden erzählen kann.

 

Mit einer lockeren Vorstellungsrunde, viel Witz und Sachkenntnis, interaktiven Spielen, wie dem „Akkzente laufen“ oder „Akkzente klatschen“ brachte sie allen Teilnehmenden nicht nur die Lehre der deutschen Sprache etwas näher, sondern bescherte uns gleichzeitig auch zwei Tage voller Spaß und interessanten Gesprächsthemen. Der Fremdsprachenverlag und die Leiterin der Deutschabteilung, Frau Mao, sorgten für unsere Konferenzräume und unser leibliches Wohl und verfolgten das ganze Seminar als Zuhörer interessiert mit. Selbst eine emeritierte Deutschprofessorin der Shanghai Fremdsprachen Uni gab sich die Ehre und so ergaben sich auch außerhalb der Tagungszeiten zahlreiche interessante Gespräche. Nach Ende des Seminares zog es uns Freiwillige erst an den „Bund“ (das Ufer des Huangpu mit der Skyline Shanghais) und auch ein Abstecher an den Zhengda Guangchang (die größte Shopping Mall Shanghais), den Renimg Guangchang („Volksplatz“, der zentralste Platz in Shanghai.) und in die Nanjing Lu (die wichtigste Einkaufstraße zwischen Renimg Guangchang und dem Bund) ergab sich. Nach dem Ende des offiziellen Programms besuchte ich mit meiner Kollegin Zhuo noch den 1559 entstandenen Yu-Garten (Bilder auf der Foto-Seite), eines der schönsten Beispiele chinesischer Gartenkunst.

Auch wenn es nur vier Tage waren, die ich in Shanghai verbrachte (mit Anreise und Abreise), so habe ich doch in der kurzen Zeit viel gelernt und erlebt und bin mit vielen Ideen und Anregungen für den Unterricht nach Shenzhen zurückgekehrt.

 

Eingang zum Yu-Garten in Shanghai.
Eingang zum Yu-Garten in Shanghai.

Kaum nach Shenzhen zurückgekehrt, wartete dann die nächste Aufgabe auf mich: Die Beaufsichtigung von Prüfungen unserer Schüler. Die Prüfungen sind immer geballt und auf drei Tage verteilt. Um zu bestehen, braucht jeder Schüler 60 % der Punkte, ein Großteil der Fragen sind immer „multiple choice“ Aufgaben mit drei bis fünf Antwortmöglichkeiten. Die Ergebnisse der Prüfungen werden im Anschluss auf einer Liste der hundert besten Schüler und einer Liste der Schüler mit dem größten individuellen Fortschritt zusammengestellt und sollen als Anreiz für andere Schüler dienen, mehr zu leisten. Nicht alle Schüler bestehen die Prüfung, so sind in einer meiner Klassen alle Schüler durchgefallen.

Die Punkte sind letztendlich für das Abitur nicht relevant, denn dort gilt nur die Abschlussprüfung. Sie bestimmen aber in welchen Klassen die Schüler nächstes Jahr lernen dürfen – je schlechter die Klasse, desto schwieriger der Unterricht. Einige Schüler unserer Schule sind über den sogenannten „zweiten Weg“ Schüler unserer Schule geworden, das heißt, sie haben die am Ende der neunten Klasse fällige und für die Zulassung zur Oberstufe (in China 10., 11. und 12. Klasse) notwendige Prüfung nicht bestanden und sind durch „Zuwendungen“ ihrer Eltern an die Schule aufgenommen worden. Man kann sich leicht denken, von wem in diesem Fall der Lernwillen ausgeht.

Das „Gaokao“ (das chinesische Abitur) entscheidet in China über den gesamten weiteren Lebensweg einer Person, es ist die gesellschaftliche Grenze zwischen fressen und gefressen werden, die Mauer zwischen arm und reich. Schüler ohne Gaokao gelten in China als „diaosi“ (屌丝= „hängende Fäden“, Menschen ohne Perspektiven und mit einer Mir-ist-alles-egal-Haltung). Da die Eltern in ihrem späteren Leben dank eines nur rudimentär ausgeprägten Sozialsystems von Geldzahlungen ihrer Kinder abhängig sind, versuchen sie natürlich alles Erdenkliche, um ihre Schüler dennoch in irgendeine Universität kommen zu lassen, und sei sie noch so schlecht.

Eine Liste mit den 100 besten Schülern in der letzten Prüfung (hier 51-100)
Eine Liste mit den 100 besten Schülern in der letzten Prüfung (hier 51-100)

Deshalb ist immer ein großer Prozentsatz von Schülern „illegal“ in der Schule und nicht jeder, der diese zweite Chance bekommt, sieht sie auch als solche. So begegnen einem Schüler mit einem unheimlich ausgeprägten Desinteresse und einer großen Ignoranz. Eine meiner Klassen besteht zu zwei Drittel aus solchen Schülern. Normalerweise gibt es in China die Möglichkeit, lernunwillige und den Unterricht störende Schüler für eine Woche oder auch längere Zeit vom Unterricht auszuschließen (bei einer Klassenstärke von 60 Schülern oft die einzige Möglichkeit, überhaupt noch jemanden vom Unterricht profitieren zu lassen). Die Klassensprecherin jener Klasse meinte einmal zu mir: „Unsere Klassenlehrerin hat diese drakonischen Methoden schon einmal in Betracht gezogen. Resultat: Die Eltern eines Schülers, den man nach Hause geschickt hat, sind in der Schule aufgetaucht, haben gefragt, warum ausgerechnet IHR Kind nicht am Unterricht teilnehmen darf und einen Artikel für eine Lokalzeitung geschrieben. Diese hat die Klassenlehrerin und die Schule in ein schlechtes Licht gestellt und seitdem versuchen wir, sie zu ignorieren.“

Man hört dann oft: „Das ist alles die Schuld der Lehrer. Sie sollten solche Klassen als Herausforderung betrachten und ihnen mit Respekt begegnen.“ Solchen Leuten muss ich ins Gesicht sagen: „Stellen Sie sich mal vor eine Klasse mit 60 Schülern, in der 33% der Schüler sich fragen, wozu lernen überhaupt gut ist und die auch nicht mal in Aussicht einer Belohnung oder Strafe lernen wollen.“ Chinesische Ignoranz hat ganz andere Ausmaße, als das ja teilweise auch in Deutschland verbreitete Desinteresse. So musst sich mein Kollege Paul bei der Übernahme einer neuen Klasse in der ersten Stunde folgendes anhören: „Wir möchten Sie nicht als Lehrer!! Sie sehen aus wie einer, der nur, um chinesische Frauen zu vergewaltigen nach China gekommen ist! Das sieht die ganze Klasse so!“ Diese Beispiel verdeutlicht sehr gut, welche Unterschiede es zwischen Deutschland und China gibt. In Deutschland hat man noch einen geringen Respekt, selbst vor einem weniger guten Lehrer und behandelt sich zu mindestens nicht mit Hass. In China ist das teilweise ganz anders.

Letzte Woche hospitierte meine Kollegin Zhuo bei der Physiklehrerin in unserem Büro, Liu Jun, im Physikunterricht. Ganz begeistert kam sie danach zurück und erzählte mir, wie gut Liu Jun die Klasse unter Kontrolle habe und den Stoff anschaulich unterrichten könne. Gleichzeitig meinte sie aber, dass die Schüler ihre Klassenlehrerin alle nicht mögen, sie auf dem Gang teilweise keines Blickes würdigen. In China gibt es zwei Fronten, die der Schüler und die der Lehrer. Den Graben zwischen beiden zu überwinden ist alles andere als leicht.

Auch sehr interessant: Die Energiebilanz aller Klassen unserer Schule. Wer muss sparen, wer verhält sich vorbildlich?
Auch sehr interessant: Die Energiebilanz aller Klassen unserer Schule. Wer muss sparen, wer verhält sich vorbildlich?

Das Lernen beginnt schon im Kindergartenalter. Bei uns vorm Block steht ein kleines Auto, in das sich Kinder setzen könne, um ein wenig hoch gehoben und vor- und zurück-“gefahren zu werden (jene Art, die bei uns auch in der Fußgängerzone steht). Während bei uns meistens Musik aus dem Lautsprecher tönt, verlassen diesen in China ganz andere Klänge: „Die Mutter des Vaters heißt Nainai, der Vater des Vaters heißt Yeye,....“ Selbst beim Entspannen gilt es zu lernen. So laufen auch jeden Morgen um Viertel vor sieben im Kindergarten direkt vor meiner Haustür Englische Lieder, die die Kinder jeden Tag nach singen und tanzen dürfen. Nicht das unheimlich viel hängen bleiben würde, aber die Eltern bezahlen teilweise tausende von Euros, um den Schülern den „bestmöglichen“ Kindergarten zu garantieren. Aber damit nicht genug, auch das Wochenende ist nicht, wie etwa in Deutschland, zur Entspannung und Freizeit da. Nein, es dient zum „Stoffnachholen“ und Privatunterricht in Englisch oder Mathe.

Dieser Zwang, überall und zu jeder Zeit lernen zu MÜSSEN, prägt die Schüler sehr tief, so dass sie, wenn sie einmal in der Oberstufe sind, nicht einmal mehr ein bisschen für sich selbst, sondern ausschließlich für die Eltern, oder besser, wegen der Eltern lernen.

Und hier sind wir wieder beim Lehrer. Er oder sie steht im Kreuzfeuer zwischen Eltern, Schulleitung und Schülern. Die Schüler hassen ihre Lehrer als Repräsentanten des verhassten Systems. Die Eltern hassen die Lehrer, weil diese ihrer Meinung nach nicht genug für die Bildung ihrer Kinder tun. Die Schulleitung schließlich hat einen Ruf zu verlieren und erhöht notfalls den Druck auf die Lehrer, um die Eltern zu befriedigen. Deswegen sind chinesische Schulen teilweise nicht nur ein „Gefängnis“ für Schüler, sondern mindestens genauso für Lehrer.

Ich, als Ausländer, habe in dem ganzen System allerdings einen Sonderstatus. Da Deutsch kein „Gaokao“-Fach ist, muss ich nicht mit Gewalt einen Lehrplan durchbringen und kann den Deutschunterricht viel liberaler und entspannter gestalten. Dennoch spüre auch ich teilweise den Schwall des Hasses der Schüler gegen die Lehrer. So meinte eine Schülerin einmal zu mir: „Sie tanzen da vorne herum wie ein Roboter. Das ist so schrecklich!“ Kritik ist gut, auch immer willkommen, aber die Wortwahl in China spricht dafür, dass es den Schülern nicht darum geht, etwas zu verbessern, sondern schlicht und einfach ihre Unzufriedenheit mit dem System zum Ausdruck zu bringen.

Wer will es ihnen verdenken? Wer um seine gesamte Freizeit gebracht wird, ist nicht unbedingt immer auf Höflichkeit bedacht. Trotzdem gibt es eben auch die anderen Schüler, die im Unterricht nicht nur nicht aufpassen, sondern lautstark rumlamentieren, sich schminken, sich im Spiegel anschauen, mit dem Handy chatten und Dinge durch die Gegend werfen. Einmal habe ich in einer Klasse den Film „Goodbye, Lenin!“ geschaut und drei Schüler, die Hausaufgaben für Englisch gemacht haben, ermahnt, damit doch bitte aufzuhören. Resultat: Zwei Sekunden später, fangen sie wieder damit an! Ich habe es ihnen mehrmals gesagt, aber es war kein Durchkommen, es war ihnen einfach egal was ich sage.

Ein amerikanischer Englischlehrer an unserer Schule unterrichtet die selbe Klasse und meinte einmal zu mir: Dort kann man schlichtweg einfach keinen Unterricht machen. Ich bin einmal einfach raus gegangen und habe sie machen lassen, da lernen sie noch mehr als im Unterricht. Das ist keine Einzelmeinung, sondern nur ein Beispiel dafür, wie alle Lehrer diese Klasse betrachten. Viele haben sie schon aufgegeben und auch, wenn ich immer versuche, sie für die deutsche Sprache oder Kultur zu begeistern, so merke ich doch, dass sich viele schon selbst aufgegeben haben (die gesamte Klasse hat in keinem einzigen Fach die Prüfung bestanden).

Blick in unseren Schulladen, der selbst am Wochenende von halb acht morgens bis elf Uhr abends geöffnet ist.
Blick in unseren Schulladen, der selbst am Wochenende von halb acht morgens bis elf Uhr abends geöffnet ist.

Neulich habe ich eines der vielen Plakate in einem Gang unserer Schule betrachtet und es hat mich zum Nachdenken angeregt. Auf dem Plakat war ein Text von einem Schüler, der letztes Jahr im Abschlussjahrgang war und zur „verlorenen Klasse“ gehörte. Die Gesamtpunktzahl im Gaokao ist 750 und unter einem gewissen Prozentsatz, muss man sich gar nicht erst an den Unis einschreiben. Es gibt in China keinen Numerus Clausus für Fächer, sondern nur einen für Unis. Wenn man also eine gewisse Punktzahl erreicht hat, geht man mit an eins grenzender Wahrscheinlichkeit an die zugehörige Uni. Ausnahme bilden bloß Schüler, die Fächer wie „Schauspielkunst“ oder Ähnliches studieren wollen.

Jener Schüler jedenfalls berichtete in sehr sozialistischem Stil von den Bemühungen seiner Klassenlehrerin zur „Rettung“ der Klasse: Extra-Nachhilfestunden mit der Lehrerin, Übungen bis spät abends, auch am Wochenende und noch mehr Hausaufgaben als ein gewöhnlicher Schüler. Seine Klasse gelangte bis auf zwei Schüler komplett an Universitäten und seine Geschichte soll nun den anderen unserer Schule als gutes Beispiel dienen. Die echten Probleme werden durch längere Arbeitszeiten indes nicht gelöst, Schüler lernen weiterhin nur für Prüfungen, vergessen einen Großteil des erworbenen Wissens bald wieder und fallen nach der strikt durch organisierten Schule in ein tiefes Loch.

Der Deutschunterricht mit seinen Spielen und vielleicht auch etwas „alternativen Methoden“ ist für die Schüler ein Ort der Entspannung und wir als Lehrer des Faches sind mehr oder minder Amateurpsychologen. Die meisten Schüler respektieren uns und viele haben auch gut Leistungen in Deutsch. Dennoch wünscht man sich immer, den Schülern das Leben ein wenig zu erleichtern...

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29. November: "Wenn ein Freund aus fernen Landen..."

Einige Schüler der Hans-Böckler-Schule beim Fotografieren des binationalen Fußballteams. Am Freitagnachmittag hatte unsere Schule ein Fußballspiel der deutschen Schüler mit ihrem Direktor gegen die chinesischen Sportlehrer organisiert.
Einige Schüler der Hans-Böckler-Schule beim Fotografieren des binationalen Fußballteams. Am Freitagnachmittag hatte unsere Schule ein Fußballspiel der deutschen Schüler mit ihrem Direktor gegen die chinesischen Sportlehrer organisiert.

Schon Konfuzius stellt seinen Schülern in seinen "Analekten" die rhetorische Frage: "Ist es nicht eine große Freude, wenn ein Freund aus fernen Landen zu uns kommt?" Für die Schüler und Lehrer unserer Schule, die Gastfamilien und nicht zuletzt auch mich, hätte die Freude kaum größer sein können!

Vom 28. Oktober bis zum 8. November besuchten uns neunzehn Austauschschüler (untergebracht in Gastfamilien), drei Lehrer und der Direktor der Hans-Böckler-Schule in Fürth in unserer Schule. Mitgebracht hatten sie viel Interesse, eine große Neugier und ein offenes Herz, was unsere Schüler sehr zu schätzen wussten. Die erste Woche verbrachte unsere Austauschgruppe im Unterricht (morgens normaler Unterricht, nachmittags Kulturunterricht wie Kalligraphie, Kampfkunst, chinesische Musik, u.ä.), was manchmal zu etwas Chaos führte. Zwar waren alle Lehrer über die extra für die Lehrer und Schüler zusammengebastelten Stundenpläne informiert, aber oft scheiterte die Kommunkation an der Sprachbarriere. So standen nicht selten in den Pausen Schüler oder Lehrer in meinem Büro, um zu erfragen, was ihnen die Ausländer da denn eigentlich sagen wollen.

Zu sagen und insbesondere zu fragen hatten sie viel. Für jemanden, der noch nie in China war, kommen gleich zu Beginn dutzende Fragen auf und auch einen kleinen bis mittleren Kulturschock werden wohl die meisten erlebt haben. Ein Schüler der Hans-Böckler-Schule hat in einem Brief nach dem Aufenthalt geschrieben, sein Austauschpartner sei ganz begeistert von seinem Koffer gewesen - er hatte anscheinend nicht gedacht, dass so viele Sachen so perfekt in einen so kleinen Koffer passen. Chinesische Koffer sind meist weniger bepackt und oft bei weitem nicht so strukturiert wie deutsche. Der Kulturschock war also gegenseitig.

Viel größer als gegenseitige Schocks war jedoch das beidseitige Interesse. Praktisch jeder wollte die Deutschen kennenlernen, ihnen Fragen stellen und einige unserer Gäste bekamen (wohl nicht ganz ernst gemeinte) Liebesbriefe und Fotos, auf deren Rückseite "nette Sachen" standen.  Für mich bedeutete der Aufenthalt der Austauschgruppe vor allen Dingen: Ständig in der Schule Hin- und Herwuseln, Dokumente und Reden übersetzen, Gespräche und Programme moderieren und 24 Stunden für Notfälle erreichbar sein.

Die ersten Notfälle erreichten uns dann schon am ersten Abend. Eine Gastmutter rief an und meinte, ihr Gastschüler sei ohne etwas zu essen ins Bett gegangen (verständlich, nach dem langen Flug). Darauf habe sie ihn aufgeweckt und ihm noch etwas zu essen angeboten, aber er wollte immer noch nichts essen. Prompt rief sie bei uns an und fragte, ob es denn für Deutsche normal sei, abends nichts zu essen!

Ein anderes Mal rief eine andere Gastmutter an und meinte, ihr Austauschschüler wolle ihr etwas sagen, aber sie verstehe ihn einfach nicht. Es ging darum, dass eine Party stattfinden sollte und der Schüler wissen wollte, ob er mit darf. Also haben wir fix übersetzt und auch dieses Problem war aus der Welt.

Schnell waren Freundschaften geschlossen. Nicht nur zwischen Gastschüler und Gastgeschwisterkind. Nein, auch die Eltern hatten ihr zusätzliches Kind schnell liebgewonnen und waren sogar bereit, ihm oder ihr Sonderwünsche zu erfüllen. So kam es, das eine Mutter nach Ablauf des eigentlichen Programmes in der Schule am ersten Wochenende anrief und meinte, ihr Schüler hätte gerne Seidenklamotten gekauft, habe aber keine bekommen. Sie wolle sie nun für ihn kaufen und ihm die Sachen später zusenden. Ob sie unsere Gruppe denn nach Beginn der Reise noch suchen und das Geschenk vorbeibringen könne.

Fragestunde in einer zwölften Klasse: "Wie sieht Schule in China und in Deutschland aus? Was macht ihr in eurer Freizeit?"
Fragestunde in einer zwölften Klasse: "Wie sieht Schule in China und in Deutschland aus? Was macht ihr in eurer Freizeit?"

So kam man sich also in der kurzen Zeit näher und gewann sich lieb. Wie aber sah die Zeit der Austauschgruppe in unserer Schule eigentlich aus? Nachdem die Schüler mit ihren Lehrern am Sonntag in Hong Kong gelandet waren, hatten wir für sie ein fünftägiges Programm mit normalem Unterricht vormittags und "Ausländerunterricht" (chinesische Kalligraphie, Sprache, Musik, usw.) nachmittags vorbereitet, dass auch von unseren Gästen sehr gut aufgenommen wurde. Am Montagnachmittag veranstalte die internationale Klasse der zehnten Stufe eine Willkommensparty mit ein paar Präsentationen zur chinesischen Kultur und anschließend ging es für die Lehrer, Zhuo und mich zu einem Essen mit den Leitern unserer Schule, bei dem auch künftige Möglichkeiten zum Austausch zwischen beiden Schulen abgelotet wurden. Ein Höhepunkt, zumindestens für einige chinesische Schüler, war der Besuch von fünf Schülern und zwei Lehrern in einer 12. Klasse. Die 12. Klassen sind in China normalerweise von der Außenwelt abgeschottet und machen tagein, tagaus wenig mehr als lernen. Deshalb war es eine große Ausnahme und für die Schüler eine einmalige Gelegenheit, einmal zu erfahren, wie es Schülern in Deutschland geht und wofür diese sich interessieren. Auch die Deutschen staunten nicht schlecht, als sie hörten, dass der Alltag der baldigen Abiturienten in China Freizeit eigentlich gar nicht vorsieht. Man kam sich näher und beide Seiten profitierten von dem Gespräch.

Das offizielle Programm endete am Donnerstag mit der Unterzeichnung eines Merkblattes zur Kooperation der beiden Schulen, einem deutsch-chinesischen Fußballspiel, das ausnahmsweise mal die Chinesen gewannen (Kunststück bei einem Team voller Sportlehrer :P) und am Freitag mit einer Abschiedsparty. Alle Aktivitäten wurden von unserem Schulfernsehen gefilmt und laufen seither jeden Abend von 17.30 Uhr bis 18.00 Uhr auf unserer Schulleinwand (begeistert verfolgt von unseren Schülern). Auf der Abschiedsparty spielten wir "Reise nach Jerusalem" zur Musik von Gangnam-Style und tanzten entsprechend um den Stuhlkreis herum - die Chinesen johlen bei den Aufnahmen noch heute.

Nach der Zeit in der Schule verbrachten die Schüler ein Wochenende in ihren Gastfamilien, bevor sie dann mit uns gemeinsam drei Tage reisen fuhren - erst in die Provinzhauptstadt Guangzhou, dann an den Strand in Shenzhen und anschließend nach Shenzhen selbst. Am vierten Tag brachten Zhuo und ich die Austauschgruppe noch an die innerchinesische Grenze nach Hong Kong, dann hieß es für uns gleich wieder Unterricht halten am Nachmittag.

Der Besuch unserer Gäste hat bleibende Folgen hinterlassen. Plötzlich interessieren sich viel mehr Schüler für Deutschland und nicht wenig kamen in den Pausen oder abends zu mir, um E-mail-Adressen zu bekommen, sich Bilder von Deutschland anzusehen oder ein wenig Deutsch zu lernen. Die Namen unserer Gäste kennt inzwischen fast jeder und die meisten Teilnehmer am Austauschprogramm können es kaum erwarten, nächstes Jahr beim Rückbesuch in Deutschland dabei zu sein. Auch ich habe wieder einmal viele nette Leute kennengelernt und den Besuch aus der Heimat trotz eines Bergs von Arbeit in allen Zügen genossen!

Morgen melde ich mich wieder bei euch mit einem Bericht über die Zeit unmittelbar nach dem Austausch. Wie ihr vielleicht gesehen habt, habe ich die Bildseite ein wenig umstrukturiert - die alten Bilder findet ihr in der Seitenleiste "Bilder September-Oktober", die neuen direkt auf der Hauptseite "Fotos".

Liebe Grüße aus dem inzwischen recht kalten Shenzhen nach Deutschland,

Euer Flo

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28. Oktober: Der Alltag als Lehrer in Shenzhen

Ein Blick in den Haupthof meiner Schule - mit der Treppe zum Erfolg. :)
Ein Blick in den Haupthof meiner Schule - mit der Treppe zum Erfolg. :)

Nach sechs langen Wochen mit Arbeitspensum von teilweise zwölf Stunden täglich kann ich heute endlich mein vor langem gegebenes Versprechen einlösen und meinen Blog aktualisieren. :)

Zwölf Stunden täglich? Als Lehrer? Mit nur zehn Unterrichtsstunden wöchentlich? Hört sich irgendwie unrealistisch an. Und unheimlich ermüdend sowieso. Aber in China scheint das normal zu sein und gewöhnen kann man sich daran auch. Seit knapp sechs Wochen beschäftigen sich meine Kollegin Zhuo und ich mit der Organisation einer Austauschreise von 19 Schülern und vier Lehrern aus Fürth an unsere Schule, die heute endlich hier angekommen sind, weswegen ich nicht mehr mit plötzlichen Aufträgen rechnen muss. Doch dazu später mehr.

Der Austausch ist ein großartiges Projekt, das mich so gut in die Funktionsweise einer chinesischen Schule eingeführt hat, wie fünf Jahre normaler Unterricht das wohl nie geschafft hätten. Eine chinesische Schule ist ganz anders aufgebaut als eine deutsche Schule. Statt eines Sekretariats gibt es hier gleich mehrere, wobei jedes eine andere Aufgabe erfüllt. Die wichtigsten und größten drei Abteilungen sind die Abteilung für Unterrichtsfragen (Stundenpläne, Stunden tauschen, usw.), die Abteilung für Schulfragen (zuständig für die Unterkunft der Lehrer, die Bestätigung von Gehältern, die Organisation von Schulveranstaltungen, usw.) und die Abteilung für allgemeine Fragen ("das Mädchen für alles", zuständig für Material, Autos und alles, was sonst noch anfällt). Darüber hinaus gibt es noch eine Druckabteilung, eine Finanzabteilung, eine internationale Abteilung, eine Propagandaabteilung und vieles mehr. Auch mit einem Vizerektor ist es nicht getan. Wir brauchen hier gleich zwei, um die Fülle aller Aufgaben irgendwie meistern zu können.

Im Laufe der letzten Wochen war die Vielfalt der Aufgaben im Zusammenhang mit dem Austausch so groß, dass ich immer wieder zwischen den verschiedenen Abteilungen hin und her hüpfen musste und so nach und nach verstanden habe, wie die chinesische Schule "denkt". Man darf sich unseren Campus nicht vorstellen wie eine Schule in Deutschland. Vielmehr ist er eine kleine Stadt mit knapp zweitausend Schülern, in der sinnvolle Einrichtungen wie ein sehr gut sortierter Laden auf dem Campus, der sieben Tage die Woche von morgens halb acht bis abends elf uhr geöffnet ist, zwei kleine Parks zum Schlendern und eine Art Dachcafé ihren Platz finden. Wir haben etwas mehr als 180 Lehrer, von denen ca. 10 Prozent in unterirdischen Wohnheimen auf unserem Campus wohnen (einige sogar mit ihrer Familie und Kindern). Die Schule ist das ganze Leben der in ihr Arbeitenden und Lernenden und gibt sich alle Mühe, diesen eine gute Lern- und Arbeitsatmosphäre zu bieten.

Neben den eben erwähnten "normalen" Lehrern gibt es an unserer Schule noch sieben ausländische Lehrer, sechs Amerikaner und mich. Alle Ausländer außer ich sind fest angestellt und werden nach Stunden bezahlt. Mein Lohn beträgt - egal wie viel Überstunden ich mache - jeden Monat 1000 RMB, umgerechnet ca. 125 €. Viel ist das nicht, doch da die Schule Miete, Gas, Wasser, Frühstück, Abendessen und Unterrichtsmaterialien bezahlt, lässt es sich mit dieser kleinen "Anerkennung" (ich bin ja Freiwilliger) ganz gut aushalten.

Derzeit unterrichte ich zehn Stunden Deutsch jede Woche, davon sechs in zwei Elferklassen und vier in vier Zehnerklassen (ja, sie haben nur eine Stunde Deutsch jede Woche...). Die Elferklassen haben bereits ein Jahr Deutsch gelernt, allerdings ohne großen Erfolg (sie können weder jemanden begrüßen, noch sich vorstellen). Entsprechend gering ist die Motivation am Unterricht teilzunehmen und manchmal glaube ich, dass es sinnvoller wäre, die Stunden den Zehnerklassen draufzuschlagen. Da man mit nur einer Stunde Sprachunterricht pro Woche kaum in der Lage ist, von einer Stunde auf die nächste die Inhalte zu lernen, plane ich, den Zehnerklassen je eine Stunde draufzuschlagen - ein Plan, den sowohl die Schüler, als auch meine Schulleitung gutheißen.

Meine Schulleitung - das sind für mich zunächst meine unmittelbare Chefin Frau Wu (Leiterin der Internationalen Abteilung und meine direkte Vorgesetzte), der Leiter der Abteilung für Schulfragen, Herr Tang (ein Mann der seinen Beruf liebt und dem bei seiner Arbeit eine Flamme in den Augen lodert), Frau Wang als Leiterin der Abteilung für Unterricht und meine "Direktoren": Herr Wang (Schulleiter), Herr Ju (Vize 1) und Herr Chen (Vize 2).  Mit allen habe ich in den letzten Wochen mehr oder wenig viel Zeit verbracht, mit Frau Wu hatte ich beispielsweise fast täglich bis zu zweistündige Sitzungen.

Jede (r) von ihnen hat Eigenheiten mit denen man teils recht schwer klarkommt. Frau Wu beispielsweise weiß heute oft nicht mehr, was sie gestern gesagt hat und macht Zhuo und mich für ihre eigenen Fehler verantwortlich - ein alles andere als gutes Gefühl. Dennoch ist sie eine ganz erträgliche Chefin, die uns regelmäßig Kleinigkeiten zum Essen und Trinken schenkt und ab und an auch mal für ein paar persönliche Worte zu haben ist.

Blick auf den Sportplatz meiner Schule und das Mehrzweckgebäude
Blick auf den Sportplatz meiner Schule und das Mehrzweckgebäude

In meinen Deutschklassen gibt es teils erhebliche Unterschiede in der Motivation und im Engagement. ich unterrichte die Klassen 5,6,7,8 in der zehnten und 6,7 in der elften (immer mit Zhuo gemeinsam). Die Klassen, die sich mit Abstand am meisten für Deutsch interessieren sind die Klassen 6 und 8 in der zehnten, die beide schon einige Kulturprogramme auf die Beine gestellt haben und auch nach dem Unterricht oft noch stundenlang zu Fragestunden kommen. Auch die Klassen 5 und 7 sind sehr erträglich und trotz gelegentlicher pubertärer Schübe sehr interessiert und aufmerksam. Ganz anders stellt sich die Sache bei den elften Klassen dar.

In Klasse 7 gibt es beispielsweise ein Mädchen, das immer demonstrativ bastelt oder uns auch mal eine ganze Stunde lang nur ohne veränderten Gesichtsausdruck anstarrt. Auch das sieben oder acht Schüler in den 60 Mann starken Klassen schlafen, ist alles andere als selten. Der Rest unterhät sich lautstark, spielt mit seinen Handys, macht Hausaufgaben oder schaut mich mit einem Basiliskblick an. Nur vier oder fünf Leute folgen tatsächlich mehr oder weniger konzentriert meinem Unterricht und sind in der Lage, die einfachsten Fragen zu beantworten.

Etwas trösten kann mich der Fakt, dass die Schüler auch in anderen Fächern ihre "Mir-ist-alles-egal"-Haltung an den Tag legen. Ich würde ihnen ja gerne helfen, aber wenn sie sich schlicht und einfach weigern mir zuzuhören, ist es schwer, irgendwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Unterricht in den elften ist daher immer recht ermüdend.

Eine Hinterwand in einer meiner Klassen. Jede Klasse kann ihre Hinterwand individuell gestalten und diese hat sich für einen Geburtstagsglückwunsch an die Volksrepublik entschieden.
Eine Hinterwand in einer meiner Klassen. Jede Klasse kann ihre Hinterwand individuell gestalten und diese hat sich für einen Geburtstagsglückwunsch an die Volksrepublik entschieden.

Meine absolute Kuschelklasse ist die Klasse 8 (10). Alle Schüler lieben Deutsch, lernen mit einem Tempo, das mir Angst macht und stehen jeden Abend in meinem Büro auf der Matte, um mir Fragen zu stellen oder sich Bilder anzuschauen. Auch diese Klasse besteht aus 61 Schülern, aber diese sind so mucksmäuschchenstill, dass man einen Bleistift fallen lassen könnte und man würde es hören. Wenn alle Klassen so wären, dann wäre die Schule der reinste Ponyhof.

Nach knapp zwei Monaten habe ich mich sehr gut in die Schule eingelebt, kenne meine Kollegen und viele meiner Schüler mit ihren Charakteren und ihrem Namen und fühle mich langsam hier wie zu Hause. In meinem Büro habe ich außer mit Zhuo vor allen Dingen mit drei anderen Lehrern zu tun: Frau Xie Fuman, eine Chemielehrerin, die genau wie Zhuo nur vorläufig angestellt ist und noch ihre Prüfung in Pädagogik und Psychologie ablegen muss. Frau Liu Jun, einer etwas älteren Physiklehrerin, die gleichzeitig Klassenlehrerin von Klasse 7 (10) ist und Herr Deng Rongjing, einem recht alten Biologielehrer, der eigentlich immer da ist, wenn ich irgendwann ins Büro komme (auch am Wochenende, er wohnt in der Schule). Mit allen dreien komme ich sehr gut aus, habe teils stundenlange Gespräche geführt und bin auch schon mehrfach auf was zu trinken oder zu essen eingeladen worden.

Auch nach sechs Wochen und dem Abklingen des "Juchhu!-Ich-bin-in-China"-Effekts macht mir die Arbeit hier enorm Spaß und ich habe unheimlich viel gelernt - und das bei weitem nicht nur sprachlich. Ich liebe meine Kollegen und meine Chefs und verstehe mich auch blendend mit 95 % meiner Schüler. Von ganzem Herzen hoffe ich, dass das so bleibt und bin gespannt, was mich in diesem Jahr noch so alles erwartet!

Maurice und Sandra im Eingangsbereich meiner Schule
Maurice und Sandra im Eingangsbereich meiner Schule

Wie kam ich jetzt aber zu zwölf Stunden Arbeit in den letzten beiden Wochen? Es ist ein unvorstellbar langwieriges Unterfangen einen Austausch für 23 Leute zu organisieren und die ganze Menge an Arbeit musste von Zhuo und mir geschultert werden. Angefangen beim Einladungsschreiben für die Visa, über die Übersetzung von Steckbriefen, das Suchen von Gastfamilien, das Aussuchen von Gastfamilien, das Vorbereiten von Gastfamilien, das Erstellen von individuellen Stundenplänen, die Organisation von Kulturveranstaltungen, das Übersetzten von Reden, das Schreiben dutzender Formulare und Bekanntmachungen (die natürlich alle noch auf Wunsch unserer Schulleitung ins Deutsche übersetzt werden mussten) bis hin Kommunkation mit der deutschen Kontaktlehrerin, die Einquartierung der Lehrer und die Klärung der Essensfrage - all dies und noch viel mehr hat man zwei Personen aufs Auge gedrückt, die darüber hinaus noch zehn Wochenstunden Deutschunterricht mit Vorbereitung zu halten haben (Zhuo muss zusätzlich jeden Tag noch vier Stunden lernen, da sie am kommenden Samstag eine Pädagogik- und eine Psychologie-Prüfung hat, die unerlässlich sind, damit sie in unserer Schule fest angestellt werden kann). Nicht zu vergessen die oben bereits erwähnten Stundenlangen Sitzungen und das Kaufen von Material für Kulturveranstaltungen. Alles unbezahlte Überstunden - frei nach dem chinesischen Verständnis von Sozialismus.

Heute Mittag sind die 19 Austauschschüler mit ihren vier Lehrern endlich bei uns in der Schule angekommen und in den nächsten Tagen wird sich zeigen, inwieweit das Projekt, für das ich meine gesamte Freizeit geopfert habe, gelohnt hat. Gerade eben war ich mit den Lehrern essen und verstehe mich großartig mit allen - bin auf die nächsten Tage mehr als gespannt. :)

Ansonsten geht es mir wunderbar, gesundheitlich, wie auch rein stimmungsmäßig und ich freue mich auf die kommenden Tage mit den Austauschschülern und den Austauschlehrern. In Anschluss an das einwöchige Austauschprogramm in unserer Schule werden wir von den Deutschehrern eingeladen, gemeinsam mit ihnen für drei Tage zu reisen und zu übersetzen, womit für Zhuo und mich ein kurzer Urlaub am Ende all unserer Bemühungen steht. Aber damit noch nicht genug - auch das Goethe-Institut lädt zur Fortbildung nach Shanghai, wodurch wir noch einen viertägigen Aufenthalt in Shanghai Ende übernächster Woche bezahlt bekommen!

Wie ihr seht geht es mir also trotz vieler Arbeit unbeschreiblich gut und ich hoffe, dass auch bei euch in der Heimat alles so ist, wie ihr es euch vorstellt. Ich hoffe, dass ich mich jetzt dank weniger Arbeit öfters melden kann. Bilder zum Blog lade ich morgen hoch - habe leider meinen USB-Stick im Büro... Ich wünsche euch allen eine schöne Zeit und verspreche, mich bald wieder zu melden!

Liebe Grüße,

Flo

15. September: Meine letzten Tage in Beijing und die erste Zeit in Shenzhen

Maurice und ich auf dem Lianhua-Berg im Norden von Shenzhen.
Maurice und ich auf dem Lianhua-Berg im Norden von Shenzhen.

Hallo ihr Lieben,

nach zwei langen Wochen kann ich mich heute endlich wieder bei euch melden! Die Installation eines Routers bei mir in der Wohnung hat etwas länger gedauert und von den Schulrechnern aus konnte ich leider nicht auf meinen Blog zugreifen. Die ersten Tage hier in Shenzhen waren wunderschön und trotz einiger Anlaufschwierigkeiten (einer dreckigen Wohnung, Kakerlaken in der Küche und sehr desinteressierten elften Klassen) habe ich mich sehr gut hier eingelebt und habe das große Glück, lauter freundliche und hilfsbereite Menschen um mich herum zu haben.

Fangen wir aber an dem Punkt an, an dem wir das letzte Mal aufgehört haben: Mit unserem Besuch auf der großen Mauer. Im Chinesischen gibt es das Sprichwort 无到长城,非好汉, was bedeutet, dass man China nur verstehen kann, wenn man einmal in seinem Leben auf der Mauer gewesen ist. Dementsprechend ist der Besuch einer jeden Reisegruppe an der großen Mauer eigentlich unerlässlich. Für mich war es bereits der dritte Besuch (nach 2007 und 2009) an der großen Mauer und zum ersten Mal habe ich einen fast vollständig menschenleeren Abschnitt der Mauer kennengelernt.

 

Simon und ich auf dem Jingshan-Pass. Die Landschaft in im Hintergrund gehört zur Provinz Hebei.
Simon und ich auf dem Jingshan-Pass. Die Landschaft in im Hintergrund gehört zur Provinz Hebei.

Der Jingshan-Pass lag ungefähr zwei Stunden von unserem Hotel entfernt und war das mit Abstand schönste Stück Mauer, dass ich bisher zu Gesicht bekommen habe. Unser eigentlicher Reiseführer Berry setzte sich kurz nach unserer Ankunft am Aufstieg zur Mauer ab und überließ uns zwei einheimischen Frauen, die sich mit Führungen über die Mauer und anschließenden Andenkenverkäufen ihren Lebensunterhalt finanzieren.

So erzählten sie uns auch auf unserem Weg über die Mauer mehrere Male, wie sehr sie vom Verkauf dieser (total überteuerten) Souvernirs abhängig seien und jeder von uns verfluchte wohl insgeheim Berry, dass er sich einen schönen Morgen machte, während wir zwischen der Wahl standen total überteuerte Souvenirs zu kaufen oder die beiden alten Frauen eben leer ausgehen zu lassen. Letztendlich entschlossen wir uns dazu ihnen ein Paket Postkarten abzukaufen, die wir dann unter uns verteilten und deren Preis wir unter uns aufteilten.

Sie waren damit zwar nicht wirklich zufrieden, aber zumindestens bekamen sie so ein kleines Entgelt für ihre Führung über die Mauer. Was genau sich Berry dabei gedacht oder eben nicht gedacht hat, wissen wir nicht. Er wird aber vermutlich in Zukunft keine Gruppen des Goethe-Instituts mehr von Einheimischen über die Mauer führen lassen.

Unsere beiden unfreiwilligen und unverhofften Reiseführerinnen.
Unsere beiden unfreiwilligen und unverhofften Reiseführerinnen.

Nach einem zweistündigen Mauerspaziergang ging es für uns wieder zurück nach Beijing in unser Hotel. Sandra, eine unserer Freiwilligen in Guangzhou hatte eine Tag später (am 3. September) Geburtstag und so entschlossen wir uns, ihr auf die Schnelle in einem der vielen kleinen Geschäfte im Viertel gegenüber unseres Hotels ein Geschenk zu kaufen. Nach langem Suchen mit teils interessanten und abenteuerlichen Episoden (Handyhüllen mit Hakenkreuz, einem raketenverschießenden Wecker und Geschäften mit dem vielsagenden Namen "Oma") entschlossen wir uns, ihr einen Keramikbecher mit der Aufschrift "I'm not a paper cup" und noch ein paar weitere Kleinigkeiten zu schenken.

Abends gingen wir dann gemeinsam in das Barviertel von Beijing und feierten unerwartet mit einer großen Gruppe Deutscher (die es sich nicht nehmen ließen, alle ihnen bekannten Geburtstagslieder zum Besten zu geben) in Sandras Geburtstag hinein. Danach gingen wir noch einige Stunden in einen bekannten Beijinger Club ("Propaganda"), bevor wir dann völlig erschöpft und zufrieden in unsere Betten fielen.

Maurice vor dem Propaganda.
Maurice vor dem Propaganda.

Viel Zeit zum Schlafen blieb uns allerdings nicht. Schon um zehn hieß es im Goethe-Institut auf der Matte zu stehen, um den ersten von zwei Seminartagen anzugehen. In den folgenden beiden Tagen lernten wir einige pädagogische Grundlagen, wurden in die Arbeit und die Materialien des Goethe-Institutes eingeführt und bekamen einige Beispiele für Goethe-Unterricht in verschiedenen Ländern zu sehen. Darunter war auch das Video einer Lehrerin in Ägypten, die mit einer Klasse von ca. 50 Jungen zu kämpfen hat. Damals ahnte ich noch nicht, dass es mir in China, zu mindestens was die Personenzahl angeht, ähnlich gehen sollte.

Am Morgen des 5. September hieß es für alle Freiwilligen voneinander Abschied zu nehmen und wir fuhren in Zweiergruppen vom Hotel zum Flughafen in Beijing. Dort angekommen, ging alles unwirklich schnell und ehe ich und Maurice uns versahen, hatten wir uns von den anderen verabschiedet und standen an unserem Gate, wo das Boarding schon begonnen hatte. Mit jeder Minute, die wir Shenzhen näher kamen, wuchs die Vorfreude und die Frage, wie das Leben in dieser so modernen Stadt sein würde, rückte immer mehr in den Vordergrund.

Die Landung selbst war schon ein Erlebnis. Obwohl wir leider nur einen Gangplatz und keinen Fensterplatz abbekommen hatten, sahen wir kurz bevor das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte trotzdem kleine Berge und das Meer und wir malten uns schon aus, wie wir einige Zeit später an irgendeinem Strand in der Nähe unser Wochenende genießen würden.

Der erste wirkliche Eindruck von Shenzhen war dann erstmal da für uns ungewohnte Klima. In dem Moment, in dem wir aus dem Flugzeug stiegen legte sich eine dünne Schweißschicht auf unsere Haut und wir merkten, dass wir mit unserer langen Kleidung absolut falsch angezogen waren. Im Flughafengebäude wieder durch Klimaanlagen geschützt besorgten wir uns erstmal unser Gepäck und entdeckten in einer Toilette das folgende Schild, dass ich euch nur ungern vorenthalten möchte:

In China wird alles und jeder zu irgendwas gekürt. So gab es in der Flughafentoilette den "Star of Serving"
In China wird alles und jeder zu irgendwas gekürt. So gab es in der Flughafentoilette den "Star of Serving"

Kaum aus dem Sicherheitsbereich gekommen, erwarteten Maurice und mich zwei Empfangskomitees , die uns nach einer kurzen Verabschiedung in verschiedene Richtungen davon schleppten. Mein Komitee bestand aus Frau Wu, der Leiterin der Internationalen Abteilung und meine direkte Vorgesetzte, und meiner Kollegin Wang Zhuo, mit der ich eigentlich die ganze Woche Seite an Seite stehe oder sitze um Unterricht zu halten oder diesen vorzubereiten.


Auf der halbstündigen Fahrt zur Schule erfuhr ich dann einige Fakten über meine Arbeit und meinen Unterricht und lernte sowohl meine Vorgesetzte als auch meine Kollegin besser kennen. Wang Zhuo ist selbst erst seit dem 1. September in Shenzhen, kommt ursprünglich aus der zentralchinesischen Provinz Hubei, hat an der Beijing Sprachen und Kultur Universität studiert und war ein Jahr in Niedersachsen als Chinesischlehrerin. Sie ist (seit zwei Tagen) 23, spricht und schreibt ein beeindruckendes Deutsch und hat wie ich absolut keine Erfahrung im Unterrichten.

Das macht den Unterricht für uns natürlich schwieriger, aber es birgt auch viele Chancen, da wir gemeinsam, ohne irgendwelche festen Vorgaben, unseren Unterricht frei gestalten können. Nach einer kurzen Absprache haben wir uns entschlossen bis auf Weiteres jede Stunde gemeinsam zu halten, d.h. ich rede mit unseren Schülern Deutsch und sie übersetzt das von mir gesagte ins Chinesische. Ab und zu übersetzte ich meine Erklärungen auch selber, da in einigen Klassen die Schüler bei Deutsch automatisch auf Durchzug stellen und während ich rede einfach nicht hinhören.

Wang Zhuo und ich an ihrem Geburtstag in unserem Büro.
Wang Zhuo und ich an ihrem Geburtstag in unserem Büro.

Schon am Tag direkt nach meiner Ankunft hielten wir gemeinsam unsere ersten beiden Stunden, die eine mit mehr, die andere mit weniger Erfolg. Wir unterrichten jede Woche zehn Stunden, vier davon in vier verschiedenen zehnten Klassen und sechs in zwei elften Klassen (eine Klasse hat zwei, die andere vier Wochenstunden). Es hat sich gezeigt, dass die elften Klassen generell weniger Lernwillen zeigen, im Unterricht schlafen, andere Hausaufgaben machen oder mich einfach unentwegt anstarren. Sie hatten schon ein Jahr Deutschunterricht, scheinen aber von diesem Jahr fast nichts mitgenommen zu haben, da sie sich nicht einmal begrüßen oder gar das Alphabet vorlesen können.

Ganz anderes läuft der Unterricht in den zehnten Klassen. Für sie ist es in erstes Deutschjahr und viele sind noch begeistert und interessieren sich unheimlich für das, was wir ihnen erzählen. Da alle Klassen ungefähr den selben Wissensstand haben, haben wir in jeder Klasse zunächst eine generelle von mir erstellte Präsentation zu Deutschland gehalten, die verschiedene deutsche Städte und Landschaften vom Norden in den Süden vorstellt. Bei verschiedenen Bildern habe ich dann immer wieder Fragen in die Klasse geworfen (z. B. bei Rostock: „Das hier ist die Heimatstadt unseres Bundespräsidenten. Wisst ihr wie unser Bundespräsident heißt?“ oder bei Berlin: „Wie ihr seht ist die Kuppel unseres Parlamentes aus Glas. Dafür gibt es zwei Gründe. Ratet mal warum!“) und es hat sich gezeigt, dass die zehnten Klassen diskutieren und meistens nach kurzer Zeit die Lösung finden, während die elften Klassen mich entgeistert anschauen oder die Frage verschlafen haben.

Die Klassen haben alle ca. 60 Schüler, was es uns Lehrern schwer macht, auch in die letzte Bankreihe durchzudringen. Am Freitagabend (nachdem wir drei Stunden Unterricht hatten) war deswegen meine Stimme so kaputt, dass ich nach jedem zweiten Satz erst einmal husten musste. Trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten macht mir meine Arbeit hier sehr viel Spaß und ich hoffe, dass wir und unsere Problemklassen uns noch finden werden.

Am Ende der letzten Stunden in den beiden elften Klassen habe ich jeweils eine Evaluation gemacht und die Schüler aufgefordert ihre Wünsche und Kritikpunkte aufzuschreiben, damit wir uns zielgruppenorientierter auf den Unterricht vorbei reiten können. Von einigen unnötigen Kommentaren einmal abgesehen (Hast du eine Freundin? Bist du schwul? Du kleidest dich zu konservativ!), war der Grundtenor in den Klassen doch recht eindeutig: Wir sprechen zu leise und zu undeutlich, sollten mehr Spiele in den Unterricht einbauen und ab und zu ein Filmchen schauen. Letzteres sind gute Ideen, lassen sich aber bei dem derzeitigen Deutschlevel noch nicht verwirklichen – ich bin mal gespannt, wie wir in den nächsten Wochen vorankommen werden!

Neben der generellen Vorstellung Deutschlands, habe ich in einigen Klassen noch eine Präsentation zu deutschem Essen gehalten, das Alphabet anhand von wiederholten Vorlesen und dem Einstudieren eines „Alphabet-Liedes“ geübt und den Schülern einige wichtige Grußformeln und Ausdrücke im Unterricht beigebracht.

In einer meiner ersten Unterrichtsstunden - leider etwas dunkel.
In einer meiner ersten Unterrichtsstunden - leider etwas dunkel.

Außer unserer reinen Unterrichtsarbeit müssen wir derzeit noch den Besuch einer 24-köpfigen deutschen Austauschgruppe aus Fürth vorbereiten und organisieren, die elf Tage von Ende Oktober bis Anfang November unsere Gäste sein werden. Dies und zusätzliche Aufgaben, die immer erst am Morgen des Tages, an dem sie erledigt werden müssen bei uns eingehen, sorgen dafür, dass wir in der Woche jeden Morgen von 8 Uhr bis ca. 17.30 Uhr relativ gut beschäftigt sind, danach gehe ich entweder mit Wang Zhuo oder mit Maurice, der an der Shenzhen Mittelschule unterrichtet, Abendessen und schaue mir einen anderen Teil von Shenzhen an. Mir wird also nie langweilig und es gibt immer etwas zu tun oder zu sehen.

Untergebracht bin ich im sechsten Stock eines Gebäudes nahe meiner Schule (ca. zwei Minuten Fußweg) in direkter Nachbarschaft zu einem Kindergarten, sodass ich von meinem Fenster aus die Kinder jeden Tag tanzen und singen sehen kann. Meine Wohnung selbst besteht aus einem geräumigen Wohnzimmer, drei Schlafzimmern, von denen derzeit zwei durch mich und meinen Mitbewohner Paul aus Texas blockiert sind, während das dritte unseren eventuellen Gästen offensteht, einem Bad und einer Küche. Letztere mussten wir mit schweren Geschützen zunächst von Kakerlaken befreien, aber nach mehrfacher Kontrolle scheint es jetzt, als ob wir die Biester endlich los sind. Sowieso war die ganze Wohnung bei unserem Einzug ziemlich dreckig, aber nichts war so schlimm, dass wir es nicht ausgehalten hätten. Rein von der Ausstattung und dem Wohnraum her ist es eine Wohnung, von der viele Menschen in China wohl nur träumen können und wir wissen das auch sehr zu schätzen.

Mein Mitbewohner Paul bei unserem Festessen zum "Tag des Lehrers".
Mein Mitbewohner Paul bei unserem Festessen zum "Tag des Lehrers".

Der Alltag hier besteht natürlich nicht nur aus Schule, sondern auch aus Freizeit und Besichtigung von einigen Plätzen in Shenzhen. Am ersten Wochenende waren Maurice und ich zunächst auf dem Lianhua-Berg (auf dem sich die Statue des großen Wirtschaftsreformers Deng Xiaoping befindet) und einen Tag später dann mit Wang Zhuo gemeinsam an einem wunderschönen Strand (Xichong) ca. zwei Stunden von Shenzhen entfernt.

Seit heute morgen habe ich ca. 150 Fotos in der Fotospalte meines Blogs veröffentlicht, dann seht ihr vieles von dem, was ich gerade beschrieben habe noch einmal verbildlicht. :) Ich hoffe ihr habt die lange Lektüre meines Textes bis zum Ende durchgehalten und habt nicht zwischendurch irgendwo abgeschaltet. Ich werde in Zukunft dank stabiler Internetverbindung öfter posten können und freue mich schon auf eure Kommentare und Fragen!

Liebe Grüße aus dem schönen Shenzhen,

 

Flo

Das Meer am Xichong-Strand, ca.  zwei Stunden von Shenzhen entfernt.
Das Meer am Xichong-Strand, ca. zwei Stunden von Shenzhen entfernt.

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Kommentare: 4
  • #1

    Maximilian Sadkowiak (Freitag, 21 September 2012)

    Echt schöne Bilder hast du hochgeladen ^^
    Nach meinen zwei Wochen in Bangkok, Kambodscha und Saigon hatte ich fast ganz vergessen, asiatische Großstädte auch sauber sein können :)

    Viel Glück noch mit diesen unmotivierten Klassen, lass dich davon bloß nicht demotivieren.

  • #2

    Amadeus Firgau (Dienstag, 23 Oktober 2012 18:28)

    Zum Thema rauer Hals: Nicht angestrengt laut reden, sondern (auch mit den Stimmbändern) möglichst locker bleiben. Und es gibt da einen Kreislauf: Je lauter der Lehrer redet, desto weniger müssen sich die Schüler bemühen, leise zu sein, um zuzuhören. Den Wettlauf kannst du nicht gewinnen.
    Was diese elften Klassen angeht - weshalb hocken die überhaupt im Deutschunterricht? Vielleicht hilft es, diese Situation mit dem (bei vielen ungeliebten)Französischunterricht in Deutschland zu vergleichen - woran liegt es, was kann man tun? Filmchen als Selbstzweck bringen es eigentlich nicht. Du wirst merken, das sie da auch nciht aufpassen, sondenr - mit Recht - sagen, jetzt brauche ich erst recht nicht aufzupassen, es ist ja kein Lernstoff.
    Weiterhin gute Nerven und gute Laune wünsche ich dir!
    Amadeus

  • #3

    Roth-Reiplinger (Samstag, 27 Oktober 2012 22:07)

    Hallo Florian,
    ich habe gerade mit großem Interesse die letzten Neuigkeiten gelesen.Scheint ja nicht ganz so einfach zu sein mit den Schülern. Denken Sie beim Unterrichten gelegentlich mal an Ihre früheren Lehrer oder die Unterrichtsstunden? Das Wichtigste: Nie die eigene Motivation verlieren!
    Ihre Fotos haben mir sehr gut gefallen.
    Ich freue mich darauf, weiter von Ihnen zu lesen.
    Liebe Grüße aus dem Leibniz-Gymnasium
    M.Roth-Reiplinger

  • #4

    Maximilian Sadkowiak (Sonntag, 28 Oktober 2012 16:04)

    Klingt echt anstrengend was du dort so zu absoliveren hast.
    Sag mal weißt du wie diese Prüfungen Pädagogik und Psychologie aufgebaut sind?
    Worauf wird Wert gelegt und was abgefragt?
    Wie würdest du die beurteilen?
    Ist es sinnvoll sowas zu machen und wird damit tatsächlich sicher gestellt, dass die Lehrer für ihren Beruf geeignet sind, oder ist es mehr pro forma.

1. September: Meine ersten Tage in Beijing

Maurice und ich vor dem Tiananmen (Tor des himmlischen Friedens) in Beijing
Maurice und ich vor dem Tiananmen (Tor des himmlischen Friedens) in Beijing

Hallo ihr lieben,

 

heute, an meinem dritten Abend in Beijing, habe ich endlich wieder ein bisschen Zeit, um euch auf den neusten Stand der Dinge zu bringen!

 

Gestern sind die uebrigen sieben Freiwilligen des PASCH-Programmes in Suedchina von Deutschland aus nach Beijing geflogen und ich habe mich bereit erklaert Maurice und Fanny, zwei Kulturweit-Freiwillige am Flughafen abzuholen. Ihr Flug lief, wie auch alle anderen Fluege gestern problemlos, aber die Rueckfahrt vom Flughafen zum Hotel gestaltete sich anfangs recht schwierig.

 

Da jeder von beiden einen Haufen Gepaeck dabei hatte, weigerte sich der erste Taxifahrer, uns in seinem Wagen mitzunehmen. Nach kurzem Verhandeln hiess es dann, er koenne uns mitnehmen, aber nur, wenn wir ihm 50 RMB (ca. 6 Euro) extra bezahlen. Da ich mein Taxigeld vom Goethe-Institut bekommen hatte, fragte ich erstmal, ob wir fuer den Aufschlag eine Quittung bekommen koennten und wieviel die Fahrt an sich kosten wuerde. Der Fahrer meinte, eine Quittung koenne er uns nicht geben und das Taximeter habe er auch nicht vor anzuschalten - wer nicht will, der hat schon.

Also machten wir uns auf die Suche nach einem anderen Taxi und wurden auch schon beim zweiten Versuch fuendig. Ein junger Taxifahrer erklaerte sich bereit, uns trotz grossem Gepaeck mitzunehmen, nachdem wir ihm gesagt hatten, dass das Gepaeck nur von zwei Leuten stammt und wir einen Teil davon mit auf den Ruecksitz nehmen koennen. Letztendlich bezahlten wir fuer dieses Taxi dann 96 RMB, also gut ein Drittel weniger, als der erste Taxifahrer von uns nehmen wollte (150 RMB).


Nach einer kurzen Ruhepause im Hotel fuhren wir gemeinsam mit der U-Bahn (die uebrigens in Beijing extrem guenstig ist, sie kostet egal wohin man faehrt nur 2 RMB, ca. 25 Cent) nach Houhai, einem wunderschoenen See, der an der einen Seite direkt an die Beijinger Altstadt grenzt.

(v. links nach rechts) Florian, Simon, Maurice und Fanny (alles Kulturweit-Freiwillige) am Houhai
(v. links nach rechts) Florian, Simon, Maurice und Fanny (alles Kulturweit-Freiwillige) am Houhai

Dort verbrachten wir dann knapp drei Stunden und liessen es uns in greifbarer Naehe des Beijinger Glocken- und Trommelturms bei zwei Tellern Jiaozi und einem Tee gut gehen. Letztere wollten wir dann, vom Essen und dank funktionierender Klimaanlage (gestern hatten wir um die 35 C bei einer hohen Luftfeuchte) gestaerkt noch besichtigen, kamen aber leider genau fuenf Minuten nach Betriebsschluss (16.40 Uhr, wir kamen um 16.45 Uhr) dort an, weswegen wir wohl oder uebel unverrichteter Dinge ins Hotel zurueck mussten.

Der Glockenturm von Beijing, dank penibler Zeiteinhaltung der Chinesen fuer uns verschlossen.
Der Glockenturm von Beijing, dank penibler Zeiteinhaltung der Chinesen fuer uns verschlossen.

Abends ging es fuer uns dann in die Naehe des Hotels, wo wir den Abend bei einem grossartigen Beijing-Abendessen und ein bisschen Yanjing-Bier ausklingen liessen. Auf dem Weg zurueck bat mich ein aelterer Traubenverkaeufer, auf der Strasse ein Foto von ihm zu schiessen und als ich ihm den Gefallen erfuellte, strahlte er ueber das ganze Gesicht von einem Ohr zum anderen. Auch sonst blieben die "Langnasen" am ersten Tag von Fotoshootings seitens der Chinesen nicht verschont.

Ein Traubenverkaeufer in der Naehe des Hotels, der unbedingt von mir fotografiert werden wollte.
Ein Traubenverkaeufer in der Naehe des Hotels, der unbedingt von mir fotografiert werden wollte.

Heute frueh war dann um 8 Uhr Abfahrt am Hotel angesagt. Berry, unser englischsprachiger und stets zuvorkommender Reisefuehrer wiess uns schon kurz vor der Abfahrt darauf hin, dass es in Beijing am Nachmittag vermutlich wie aus Kuebeln regnen wuerde. Da es aber am Morgen noch recht warm war und keiner unnoetigen Balast mitschleppen wollte, fuhren dann fast alle ohne Regenschirm oder Regenjacke an den Tiananmen-Platz...

Berry sollte Recht behalten. In der Mitte der verbotenen Stadt ueberraschte uns nach ein bisschen Sightseeing auf dem Tiananmen-Platz und im vorderen Bereich der Verbotenen Stadt der angekuendigte Regen. Einige liessen sich von Petrus dann doch erweichen, sich einen Schirm zu besorgen, der dann aber dank des Geschaeftssinns der Chinesen in der Verboten Stadt 60 RMB (knapp 8 Euro), statt den normalen 15 RMB kostete.

Eines der vielen Fotos, dass die Chinesen heute vor allen Dingen mit unseren Maedchen geschossen haben. (ein chinesischer Mann und Fanny)
Eines der vielen Fotos, dass die Chinesen heute vor allen Dingen mit unseren Maedchen geschossen haben. (ein chinesischer Mann und Fanny)

Berry lieh mir und Sandra (einer anderen Kulturweit-Freiwilligen, das ganze Team stelle ich euch spaeter noch vor) zuvorkommend, wie er ist, fuer den schlimmsten Guss seinen Regenschirm und wir machten uns nach einem kurzen Zwischenstopp im Souvenirladen am Jingshan vorbei auf den Weg zum Beihai-Park, in dem sich eine der beiden bekannten "Weissen Pagoden" befindet.

Drei Maedchen, die ein Foto mit Sandra geschossen haben - gleiches Recht fuer alle :).
Drei Maedchen, die ein Foto mit Sandra geschossen haben - gleiches Recht fuer alle :).

Der Beihai-Park ist wunderschoener See, in dessen Mitte sich ein Berg mit der in der Qing-Dynastie erbauten "Weissen Dagoba" befindet. Bei unserem 40-minuetigen Rundgang durch die Tempelanlage um die Pagode, sind wir an mystischen Felsformationen, mit Glueckszetteln behangenen Baeumen und zubetonierten Kanonenrohren vorbeigekommen, die ich in den nachsten Tagen noch unter "Fotos" hochlade. Das folgende Bild zeigt die Statue am Eingang des Beihai-Parks:

Das stilisierte Zeichen fuer "Glueck" am Eingang des Beihai-Parks.
Das stilisierte Zeichen fuer "Glueck" am Eingang des Beihai-Parks.

Vom Beihai-Park ging es fuer uns dann in die Nanluo-Guxiang, eine alte Hutong(traditionelle Gassen in Beijing)-Strasse, in der sich viele auf die Beduerfnisse von Touristen gemuenzte Bars und Clubs befinden. Dort suchten wir uns ein gemuetliches, kleines Cafe und ich probierte das erste Gruentee-Eis meines Lebens (koestlich!! :)). Aber gleich nach dieser kleinen Auszeit kam etwas Bewegung in unsere Gruppe. Von acht Freiwilligen waren ploetzlich zwei wie vom Erdboden verschluckt.

Auch eine halbstuendige Suchaktion und das Warten von einem Teil der Gruppe an der verabredeten Stelle (Ende der Strasse) brachten uns nicht wirklich weiter und letztendlich entschlossen wir uns, ins Hotel zurueckzufahren, da wir die beiden dort vermuteten.

Mit einem etwas mulmigen Gefuehl fuhren wir dann also mit der U-Bahn zurueck Richtung Hotel und waehrend ein Teil der Gruppe in einer Apotheke Medizin fuer zwei Leute aus unserem Team besorgte, ging der verbliebene Rest mit mir ins Hotel, wo dann auch tatsaechlich die Vermissten auf uns warteten. Sie waren schon eine Viertelstunde frueher zurueck gewesen und hatten anscheinend auch kurz an der verabredeten Stelle gewartet, bevor sie sich entschlossen auf eigene Faust zurueck ins Quartier zu fahren.

So wieder komplett, gingen wir dann zum kroenenden Abschluss in ein muslimisches Restaurant mit grossartigem Essen und liessen den Tag gemuetlich ausklingen. Morgen steht fuer uns ein Besuch an einem touristisch kaum erschlossenen, also vermutlich "originaleren" Abschnitt der grossen Mauer auf dem Programm, am Montag beginnt dann fuer uns mit dem Seminar des Goethe-Instituts der "Ernst des Lebens" wieder. Ich melde mich, sobald es mir unser Tagesplan erlaubt, wieder bei euch und hoffe, dass ihr euch trotz des zugegebenermassen recht langen Textes bis ans Ende durchgekaempft hat. Die ganzen Fotos werden wohl noch eine Weile auf sich warten lassen muessen, aber ich bemuehe mich, sie so bald wie moeglich online zu stellen.

Liebe Gruesse aus dem dank Regenguss wieder angenehm kalten Beijing,

Florian :)

Berry, unser stets zuvorkommender und freundlicher Reisefuehrer (im gelben Hemd) neben Florian und Fanny in der verbotenen Stadt.
Berry, unser stets zuvorkommender und freundlicher Reisefuehrer (im gelben Hemd) neben Florian und Fanny in der verbotenen Stadt.

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Kommentare: 6
  • #1

    flo kurtaj (Montag, 03 September 2012 14:38)

    hi Flo :) schön das du heil angekommen bist. ich hoffe, dass es dir weiterhin gut geht und bin schon auf deine nächsten posts gespannt :)
    eine andere frage meinerseits.....wie ist deine emailadresse.....haben wir damals vergessen zu klären.... :/

  • #2

    Laura Jung (Dienstag, 04 September 2012 17:30)

    Hey Bruderherz !♥
    Danke für deine e-mail !:) Es freut mich das du gut angekommen bist und dir bis jetzt alles gefällt. Ich hoffe es wird dir gefallen ! Halt die Ohren steif !:)

    Liebe Grüße
    Laura ♥

  • #3

    Florian Jung (Dienstag, 04 September 2012 17:35)

    Hi Flo,

    meine E-mail ist Tetsujin1994@googlemail.com. Ich freue mich ueber jede E-mail!!! :)

    Hi Laura,

    schoen von dir zu hoeren!! :) Hast du Lust dieses Wochenende mit mir zu skypen? Schick mir deine E-mail mal per E-mail, dann koennen wir vielleicht auch vorher schon mal schreiben! Es gefaellt mir seit der ersten Sekunde und es wird mir vermutlich auch bis zur letzten gefallen - bis jetzt waren die Tage hier jedenfalls der Hammer!! :P Pass auf dich auf und liebe Gruesse an Mama und Papa,

    Flo :)

  • #4

    Norbert Ramelli (Donnerstag, 06 September 2012 10:56)

    Hallo Florian,

    deine ersten Berichte sind ja schon spanend, bin mal gespannt, wie deine Erfahrungen in der Schule sein werden. Wünsche dir eine gute Zeit und immer gute Bilder ;-)

    Viele Grüße

    Norbert

  • #5

    Dietmar.schuetze@sap.com (Samstag, 08 September 2012 10:22)

    Hallo Florian,
    Conny hat mir den link weitergeleitet. Ich bin froh, dass du gut angekommen bist + erste positive Erfahrungen mschen konntest.
    Ich drucke dir beide Daumen + wünsche dir das Beste. Das ist eine großartige Chance, nutze sie - aber da bin ich sicher. Im Übrigen freue ich mich immer über deine news.
    Viele Grüße aus Hamburg. Dietmar

  • #6

    E.Müller (Samstag, 06 Oktober 2012 18:48)

    Hallo, deine Schilderungen sind hochinteressant. Nun sieht man Unterricht mal von der anderen Seite. Die Bilder sind sehr schön. Es freut mich, dass es dir gut geht. Liebe Grüße. deine alte lehrerin.

30. August - eine Reise (fast) ohne Hindernisse

Bevor sich hier jemand der fehlenden Umlaute und des fehlenden sz wegen wundert: Die Internetverbindung im Hotel mit meinem Laptop war leider weniger prickelnd, weswegen ich notgedrungen auf den hoteleigenen Computer umgestiegen bin. :)

Keine Reise ohne Hindernisse - am Flughafen in Frankfurt angekommen meldet uns der Automat, dass mein Flug mit KLM ueber Amsterdam nach Beijing annuliert wurde. Grund dafuer sind zwei kurz nacheinander ausgeloeste Bombenalarme - zuerst geht es einer Bombe aus dem zweiten Weltkrieg an den Kragen und kurz spaeter wurde dann ein spanischer Flieger wegen "verdaechtiger Substanzen" aus dem Verkehr gezogen. Folge: Vollsperrung des Flughafens im Amsterdam. :)

 

Den auf die Mitteilung folgenden Gedanken, wen man denn nun alles anrufen muesse und wie man jetzt trotz alledem nach Beijing kommt wischt ein freundlicher KLM-Mitarbeiter mit der netten Auskunft "Sie bekommen auf jeden Fall einen Flug, mit dem sie den Anschlussflieger noch kriegen" aus meinem Kopf. Kurze Zeit spaeter klingelt dann tatsaechlich das Telefon und ein freundlicher Niederlaender erklaert mir, ich sei auf einen Air China-Flug umgebucht worden, der sogar drei Stunden frueher in Beijing ist. Glueck im Unglueck also - jedenfalls fuer mich. Den armen Peter vom Goethe-Institut brachte ich mit meiner "Katastrophenmeldung" um drei Stunden Schlaf und seine morgendliche Tasse Kaffee, die wir dann im Goethe-Institut in Beijing nachholten. :)

 

In Beijing gelandet, erschlug mich erstmal die Feuchtigkeit, die einen am fruehen Morgen kaum 50 Meter weit gucken laesst und auch die Temperaturen um 24 C waren nach dem trockenen und kalten Flugzeug alles andere als optimal. Gluecklicherweise war am Ausgang des Flughafens sofort ein Taxifahrer zur Stelle, der meinen Koffer ins Auto hiefte und uns den Rest der Fahrt mit seinen Ansichten ueber Politik und die boese KP beschaeftigte. An letzterer lassen die Beijinger sowieso kein gutes Haar - jeder mit dem man hier spricht beschwert sich - sei es ueber unbezahlbare Eigentumswohnungen, mangelnde Angriffslust der KP Japan gegenueber oder ueber das Verhalten der neureichen Kader.


Gegen 9 Uhr fuhr ich dann nach einem gemuetlichen Tee (bzw. Kaffee fuer ihn) mit Peter gemeinsam ins Hotel, wo ich mich erst mal von der langen Reise erfrischte und Gastgeschenke einpackte - denn ein paar Stunden spaeter stand noch ein Besuch bei einer Freundin aus Beijing und ihrer Familie auf dem Programm. Dort angekommen erwarteten mich ein mit allerlei Koestlichkeiten gefuellter Tisch und zwei ueber meinen Besuch ueberglueckliche Chinesen (Mutter und Tochter). Waehrend die Mutter in der Kueche immer neue Gerichte aus dem Handaermel schuettelte, machten wir es uns bequem und ich zeigte meiner Freundin ein paar Fotos von zu Hause. Die Frage, ob ich den was helfen koennte, wurde wie gewohnt mit einer lockeren, aber entschiedenen Handbewegung abgetan. :)

Den ganzen Nachmittag verbrachte ich mit den beiden in wunderschoenen Tempeln und in der Beijinger Altstadt, wobei ich auf gewohnt hoefliche Art genoetigt wurde, auch ja nichts zu bezahlen - eine chinesische Gewohnheit, der mir auch nach drei Jahren Gewoehnungszeit immer noch schwerfaellt. Die Temperaturen waren inzwischen auf 35 C gestiegen und zu meinem Verdruss wurden auch die Dunstwolken nicht weniger, sondern eher mehr. In gewissen Untergrundpassagen fiel es mir richtiggehend  schwer zu atmen. Und je spaeter es wurde, desto mehr Menschen mit Mundschutz liefen durch die Stadt...

Als kroenenden Abschluss fuhren wir am Ende des Tages an den Beijinger Houhai-See (Bilder und kleine Geschichten kommen morgen noch dazu - ich fuelle mich nach mehr als 30 Stunden ohne Schlaf im Moment etwas beschwipst :) ), an dem wir uns von der vielen Lauferei des Tages im wohl schoensten Starbuck's Chinas bei einem Karamell Macchiato erholten.

Soviel erstmal fuer heute - entschuldigt, dass Durchhetzen durch den Tagesablauf und den wirren Stil, aber mit schon leicht geschlossenen Augen schaffe ich heute nicht mehr viel mehr. :P

Liebe Gruesse aus dem trotz Treibhauszustaenden wunderschoenen Beijing wuenscht euch ein mueder, aber uebergluecklicher Florian!! :)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Eric Jung (Donnerstag, 30 August 2012)

    Wir sind alle froh, dass du gut angekommen bist und das es dir gut geht! Der Abschied auf dem Flughafen ist mir sehr schwer gefallen. aber das ist dein Weg. Es ist gut so und richtig.
    Joseph Haydn (1732 – 1809):  „Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.“
    Auch wenn das Zitat auf Musik als universelle Sprache abzielt zeigt es doch, wie wichtig es ist, dass die Kulturen einander verstehen können. Dazu leistest Du mit deinem Engagement und deinem erneuten Jahr in China einen entscheidenden Beitrag. Dafür wünsche ich dir alles erdenklich Gute und vor allem, dass du einen guten Zugang zu deinen Schülern und dem Kollegium in der Schule findest. Sei einfach du selbst, ein intelligenter und bescheidener Botschafter deines Landes und Wanderer zwischen den Kulturen. Mein Sohn, ich bin stolz auf dich und sehr auf deine Updates im Blog gespannt. Bitte liebe Grüße an alle Bekannten, die du triffst. Dein Papa.

Noch vier Tage bis zum Abflug

Der Shun Hing (Xinxing) Platz in Shenzhen
Der Shun Hing (Xinxing) Platz in Shenzhen

Nach langem Ringen um mein Visum und Spendengelder, sind jetzt alle Vorbereitungen für China abgeschlossen und ich erwarte mit Spannung den Abflug in Frankfurt am 29. August. Zeit also, mein Versprechen einzulösen und einen ersten Blogeintrag zu schreiben. :)

In diesem Blog werde ich regelmäßig von meinen neusten Erfahrungen in China und wenn es sich anbietet auch über aktuelle, interessante Themen in den chinesischen Nachrichten berichten. Wie genau werden meine ersten Tage in China aussehen?

Am Morgen des 30. August werde ich in Beijing landen und erst einmal einen Tag zur freien Verfügung haben. Das Programm des Goethe-Instituts beginnt dann am 31. August, an dem auch die meisten Freiwilligen in Beijing ankommen. Vor Ort sind zwei Tage Sightseeing und zwei Tage Vorbereitungsseminar geplant, anschließend fliegen wir von Beijing aus nach Shenzhen, in den tiefsten Süden der Volksrepublik.


Shenzhen ist eine eigentlich erst im Jahr 1979 während der Öffnungsreformen unter Deng Xiaoping entstandene Sonderwirtschaftszone, die mit 10 Millionen Einwohnern und vielen auswärtigen Siedlern zu den wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes zählt. Durch ihren Sonderstatus unterscheidet sie sich gewaltig von den umliegenden Städten der Provinz Guangdong: In Shenzhen sprechen so gut wie alle Bürger perfekt Mandarin (die chinesische Hochsprache), während sonst in der ganzen Provinz Kantonesisch die vorherrschende Verkehrssprache ist. Auch hat Shenzhen seit Jahren das größte Bevölkerungswachstum und das höchste Pro-Kopf-Einkommen in China, das Wirtschaftswachstum wird durch die günstige Lage im Perlfluss-Delta zwischen den Industrie- und Wirtschaftszentren Dongguan, Guangzhou und Hongkong noch verstärkt.

Da Shenzhen eine Stadt völlig ohne Geschichte ist und alle Sehenswürdigkeiten erst nach 1979 gebaut wurden, wird es mir vermutlich am Anfang schwerfallen, mich in der Stadt wohlzufühlen. Bisher hatte jede Stadt, die ich bisher in China besucht habe eine eigene Geschichte und an jeder Straßenecke ließ sich zwischen riesengroßen Hochhäusern aus Glas und Beton ein kleiner Tempel, ein Teehaus oder ein altes Stück Stadtmauer entdecken. Eigentlich ist es auch genau diese Vielfalt verschiedener Epochen direkt nebeneinander, die die Schönheit Chinas ausmacht. Nach allem, was ich bisher gehört habe, wird davon in Shenzhen nirgendswo eine Spur zu finden sein. Bleibt also abzuwarten, wie es sich in Shenzhen leben lässt. :)

Unterrichten werde ich in Shenzhen an der Futian Fremsprachen Mittelschule, die erst seit knapp einem Jahr mit dem Goethe-Institut kooperiert und deshalb recht wenig "Ausländererfahrung" hat. Wenn ich meine Kontaktperson in der Schule richtig verstanden habe, wurde im Unterricht bisher hauptsächlich Wert auf sprachliche Kompetenzen gelegt, die Kultur hat man anscheinend hinten runterfallen lassen. Es wäre schön, wenn ich das Material, dass ich in den letzten Monaten gesammelt habe (Plakate, Poster, Postkarten, Prospekte und Landkarten zu politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen) in meinen Unterricht mit einbauen könnte.

Derzeit gibt es nach offiziellen Angaben an der Schule in etwa 100 Deutschlerner, die inzwischen das Grundvokabular (Zahlen, Sich Begrüßen, seine Meinung äußern, u.ä.) beherrschen sollten. Sobald ich in der Schule angekommen bin und mir einen Überblick über meine Klassen verschafft habe, kommen dann weitere Informationen dazu.

Die Vorfreude auf China steigt minütlich und auch die Ideen, was man unterrichtstechnisch denn "machen könnte" sprudeln nur so aus mir heraus. Ich würde mich freuen, wenn einige von euch mich hier bei meinem "Abenteuer China" begleiten würden und freue mich über jeden Kommentar! Wenn einer von euch sich für ein konkretes Thema in China interessiert, könnt ihr mich auch gerne hier anschreiben und ich werde euch ein paar Informationen darüber besorgen.

Bevor die Reise nun allerdings losgeht, habe ich euch und mir zum Einstimmen ein Bild des zentralen Platzes in Shenzhen (dem Shun Hing Square) aus dem Internet gesucht, andere Bilder kommen dann, wenn ich vor Ort bin! :) Ich freue mich auf eure Kommentare!!


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Kommentare: 11
  • #1

    Maximilian Sadkowiak (Samstag, 25 August 2012 15:14)

    Du schreibst wie immer sehr informativ und unterhaltsam, ich habe mir für deinen Blog schon ein Lesezeichen gesetzt und freue mich schon darauf deine Erfahrungen mitzuverfolgen ^^

  • #2

    Kurtaj Flo (Samstag, 25 August 2012 17:08)

    öhhhhhhhhhhhh

  • #3

    Amadeus Firgau (Samstag, 25 August 2012 17:41)

    Ich wünsche dir viel Erfolg!

  • #4

    Patrick Trautmann (Samstag, 25 August 2012 23:20)

    Hallo Florian,

    Dir möchte ich einen guten Beginn Deiner Tätigkeit in China wünschen.

    Viele Grüße

    Patrick

  • #5

    Wolfgag Latz (Sonntag, 26 August 2012 20:47)

    Hallo Florian,

    wir wünschen dir alles Gute und viel Erfolg in China.

    Elisabeth, Lera und Wolfgang

  • #6

    Margitte Roth-Reiplinger (Sonntag, 26 August 2012 21:32)

    Lieber Florian, ich wünsche Ihnen zum Start in diesen neuen Abschnitt alles Gute. Ich werde Ihren Blog regelmäßig lesen und freue mich auf interessante Neuigkeiten v.a. von Ihrer Tätigkeit als Deutschlehrer.
    M.Roth-Reiplinger

  • #7

    Cornelia Jung (Montag, 27 August 2012 10:56)

    Lieber Flo, ich vermisse dich jetzt schon, auch wenn ich mich mehr für dich freue, als Wehmut über dein Weggehen zu empfinden. Natürlich werde ich den Blog verfolgen, man weiß ja nie, ob das die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme bleibt. China ist ein besonderes Land! Da gehen schon mal E-Mails verloren....
    Alles Liebe und einen tollen Start im Süden eines fantastischen Landes mit liebenswerten Menschen.
    Deine Mama

  • #8

    Patrick (Dienstag, 18 September 2012 22:32)

    Lieber Florian,

    gerade habe ich Deinen interessanten Bericht gelesen. Es freut mich, dass Du git in China und nun in Deiner Schule angekommen bist. Für Deinen Unterricht wünsche ich Dir viel Erfolg. Ich kann mir vorstellen, dass der Unterricht manchmal schwierig ist, zumal einige Schüler/innen kaum Interesse zeigen.
    Ich habe noch Literatur zu China erhalten.

    Herzlich

    Patrick

  • #9

    Sandra Zurawski (Donnerstag, 15 November 2012 09:38)

    Lieber Florian,
    es mach viel Laune, Deine Berichte zu lesen, die immer sehr interessant und informativ sind.
    Du kannst unheimlich stolz auf Deine Leistungen sein und ich bin mir sicher, dass Dich Deine Kollegen und Vorgesetzten sehr zu schätzen wissen - und die meisten Deiner Schüler auch... ;-)
    Weiter so, ich bin auf Deine weiteren Berichte sehr gespannt.
    Liebe Grüße aus Wiehl,

    Sandra

  • #10

    Anika Liu (Dienstag, 20 November 2012 04:34)

    Du bist in Shanghai und sagst nicht mal Bescheid?:D

  • #11

    S. Mansel (Freitag, 04 Januar 2013 17:02)

    Lieber Florian,
    endlich bin ich mal dazu gekommen, mir deine Internetadresse aufzuschreiben und mit Interesse ein paar deiner Berichte zu lesen. Ich wünsche dir für 2013 alles Gute und weiterhin "lehrreiche" Erfahrungen!
    Herzlichst
    S. Mansel